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27.02.20

[Artikel] Die Zukunft der Architektur - 1. Teil - von Van Bo Le-Mentzel

Auf der Konferenz von Van Bo Le-Mentzel im Hager Forum am 29. November 2019 stellte der innovative Berliner Architekt und Stadtplaner sieben Ideen für die Städte und Häuser der Zukunft vor. In diesem Artikel geht er in seiner Vision von der Zukunft der Architektur ein wenig weiter. In einem zweiten Artikel wird er sein Konzept der kreisförmigen Stadt vorstellen, ein utopisches Schema oder die Zukunft der Architektur? „Was wir heute mit Sicherheit sagen können, ist zumindest dies: Wir können nicht so weitermachen wie bisher.“

Die Architektur der Zukunft: wirtschaftlich, ökologisch oder politisch?
Wie die Zukunft aussieht, ist aus heutiger Sicht noch schwieriger vorherzusehen als vor hundert Jahren. Damals zeichneten sich die „Game Changer“ der Zeit ab: neue Werkstoffe wie Stahlbeton, neue Mobilitätsformen wie das Automobil und neue Kommunikationsformen wie das Telefon.

Doch was kommt nach Künstlicher Intelligenz, Block Chain-Programmierung und Sonnen- und Windkraft? Oder anders ausgedrückt: Was kommt nach der Globalisierung? Die Kolonisierung des Mars? 

Es gibt verschiedene Bilder von der Architektur der Zukunft. Es kommt darauf an, wen man fragt. Diesen Zukunftsvision liegt immer eine bestimmte Sehnsucht zugrunde, die wir als Architekten und Architektinnen in Räume übersetzen dürfen. Mir scheint, diese Sehnsüchte lassen sich in drei Kategorien einteilen: die Architektur des grenzenlosen Wachstums, die einer grünen Utopie und die einer Welt ohne Staatsgrenzen, also eine ökonomische, eine ökologische und eine politische Architektur.

Architektur im Dienst einer langfristigen Vision
Die politische Zukunft der Stadt illustriert der Soziologe Harald Welzer eindrücklich in seinem Werk „Alles könnte anders sein“, S. Fischer Verlag. Eine Welt, in der zwar staatliche Institutionen wie Parlamente, Finanz- und Ordnungsämter immer noch das Sagen haben, aber auch eine, in der es keine Reisepässe und Grenzen mehr gibt. Eine Architektur, die von Gemeinwohlbanken, Genossenschaften und Unternehmen mit langfristigen Perspektiven bestimmt wird. In dieser Welt ist das Instandsetzen bestehender Bauten wichtiger als neue Prestigearchitektur. Spektakuläre Bauvorhaben gibt es dennoch : inkrementelle Architektur zum Beispiel. Geprägt wurde dieser Begriff vom chilenischen Architekten Alejandro Aravena. Er stellte seine preisgekrönten Reihensiedlungen mit Bedacht nur zur Hälfte fertig.

Die zweite Hälfte wird von den Bewohnern und Bewohnerinnen mit lokalen Rohstoffen und handwerklich laienhaft ergänzt, passend zum Wikipedia-Zeitgeist und Plattform-Kapitalismus, wo alles bereits als Beta-Version zur Welt kommt und von den Konsumenten erst noch veredelt werden muss. In Welzers Stadt gibt es kaum noch Autos, und doch fahren alle noch selbst, und zwar Fahrrad. Im Grunde sieht diese Welt aus wie Freiburg.

Die Rückkehr zu natürlichen Materialien
In der ökologischen Vision ist die Stadt vor allem eins: grün. Straßen und Parkplätze werden vom Asphalt und den leidigen SUVs befreit. Die Häuser werden aus Holz gebaut, Wände aus Stroh und Lehm. Die Vertreter dieser Zukunftsarchitektur heißen Satish Kumar, Rob Hopkins oder Vandana Shiva. Sie sind allesamt eher Gärtnerinnen als Städteplanerinnen. Permakultur und Transition Town heißen die Schlagwörter, eine von traditionellen chinesischen und südamerikanischen Landwirten inspirierte Haltung, die auf Vielfalt und Geduld setzt und nur minimale menschliche Eingriffe zulässt. Leider liefert die Permakultur keine Antwort auf die Art und Weise, wie Megastädte organisiert und ihre Bevölkerung mit Nahrung versorgt werden können. Eine Inspiration sind diese Praktiken dennoch allemal, insbesondere die wasserlose Komposttoilette von Terra Preta oder der spirituelle Bildungsansatz wie er im Schumacher College im englischen Totnes praktiziert wird.

Daten sind nach Ansicht von Ökonomen die Zukunft der Architektur
Am weitesten verbreitet sind die Visionen der Ökonomen: Elon Musk (Tesla), Mark Zuckerberg (Facebook) und Google betrachten nicht mehr den Dollar als ihr Kapital, sondern Daten, die nunmehr als „Rohstoff der Zukunft“ gelten. Allen voran: Jeff Bezos, Gründer von Amazon und vermutlich der reichste Mensch auf Erden. Um eine „Zivilisation des Stillstands“ zu vermeiden, sieht Bezos in der Eroberung des Weltraums die einzige Chance, den wachsenden Bedürfnissen der Weltbevölkerung nachzukommen. Wenn auf der Erde auch die letzten fossilen Rohstoffe verbraucht sind, ist der Mars dran.

Im Leitbild der Ökonomen geht es nicht unbedingt immer um wirklich bahnbrechende Erfindungen - das selbstfahrende Auto (Google Car) und der sprechende Computer (Siri) sind allenfalls Utopien der Sechziger Jahre.

Technische Innovation wird in der Architektur der Zukunft eine Schlüsselrolle spielen
Die Architektur der Ökonomen wird von technischen Innovationen getragen. Hoch muss sie sein und vollgestopft mit intelligenter Technologie, mit Solarzellen auf Fassaden, Kontaktlinsen und auf Fußgehplatten. Alles wird zur Ressource. Und wenn es einmal nicht Photovoltaik ist, dann darf es auch eine spektakuläre Spiegelfolie sein, wie sie nun in Seoul zum Einsatz kommt. Dort entsteht der „Inifinity Tower“ – die Steigerung der Logik des „groß-größer-am größten“. 

Ein Turm, der nicht nur unsichtbar gedimmt werden kann, sondern mit tausenden Kameras und Screens ausgestattet ist und Bilder und Werbebotschaften abbilden kann. Architektur als Reklame für die Amazons und Tencents dieser Welt. So wie Daten in unsichtbaren Clouds verschwinden, wollen die Gebäude der Zukunft diesen in ihrer nahezu biblischen Himmelfahrt offenbar nacheifern. Das viele Grün auf den Zwischengeschossen der Architekturgiganten täuscht kaum darüber hinweg, dass die Natur in dieser ökonomischen Utopie eigentlich nur noch Beiwerk ist. Durchaus spannend sind die neuen Projekte von IKEA, das in Österreich erstmals in seiner Geschichte die bescheidene blaue Wellblechkistenromantik verlässt und mitten in der Stadt mit grünen Inseln und sogar einem Hotel auf dem Dach experimentiert. Solche Zäsuren wird es immer öfter geben, auch wenn die Baugesetze in Europa oftmals leider eine allzu eindeutige Sprache sprechen. Bei einer der Innovationskonferenzen der Rewe-Gruppe durfte ich persönlich Zeuge sein, wie über Nachbarschaftsgärten auf Supermarktdächern diskutiert wurde.

Die Digitalisierung und Automatisierung von Baustellen mit Robotern ist hierbei unausweichlich, allein schon aufgrund des Fachkräftemangels und der Generation Z. Unter den jungen Menschen von heute finden sich einfach keine Betonbauer oder Maurer mehr. Fertigbau wird zum Standard werden müssen. Ob hier die spektakulären 3D-Drucker wirklich eine Lösung anbieten können, wird sich zeigen. Noch sind sie einfach viel zu langsam und verbrauchen zu viel Energie.

Was wir heute mit Sicherheit sagen können, ist zumindest dies: Wir können nicht so weitermachen wie bisher. Der weltweite CO2-Ausstoß ist zu einem großen Teil der Bauindustrie geschuldet. Stahlbeton entwickelt sich zum Krebsgeschwür der Moderne, während sich die großen Konzerne über nationale Grenzen hinwegsetzen. Warum sollten es die Staaten ihnen nicht gleichtun? Wie soll man Städte in einer Welt planen, die sich nicht mehr über nationalen Grenzen definiert?

Klima-Aktivistinnen wie Greta Thunberg werfen die ganz großen Fragen auf. Als Architekt versuche ich, mit ganz kleinen Schritten einige Anregungen in die Debatte einfließen zu lassen. Diese Argumente habe ich in einem utopischen Masterplan zusammengefasst, den ich in den letzten Jahren mit FachplanerInnen, Konzernen, Laien, Kindern und Obdachlosen entwickelt habe. Ich nenne es: die Circular City.

Was wir heute mit Sicherheit sagen können, ist zumindest dies: Wir können nicht so weitermachen wie bisher.

Van Bo Le-Mentzel

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