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Obernai, 29. Mai 2019

[Interview] Smart Home, Marktchancen der Zukunft und Trends

Im April 2019 war Alexandra Deschamps-Sonsino, Expertin für vernetzte Objekte, mit einem Vortrag zum Thema Smart Home zu Gast im Hager Forum. Wir haben nach dem Vortrag mit Alexandra gesprochen, um mehr über ihre Sicht der heutigen Situation im Bereich vernetztes Wohnen, vernetzte Gebäude und vernetzte Städte zu erfahren. Dabei ging sie auch auf geographische und sozialökonomische Aspekte ein und sprach über zukünftige Marktchancen und Trends, die in den kommenden zehn, zwanzig oder dreißig Jahren auf Unternehmen und Privatpersonen zukommen werden. Ein Ausflug in die Zukunft des Smart Home mit Alexandra Deschamps-Sonsino.

„Smart Home – wo stehen wir heute“: Was gibt es bereits und was erwarten die Nutzer in den diversen Weltregionen und in ihrer jeweiligen ökonomischen Situation?  

Alles hängt von der sozioökonomischen Zone ab. Je nachdem, von welcher Zone wir sprechen, wird das Konzept des intelligenten Hauses entweder mit offenen Armen empfangen oder skeptisch beäugt. 

In einigen Ländern Afrikas, in denen sich der Zugang zum Internet oft auf das Smartphone beschränkt, begrenzt der Luxus, ein Haus mit einem Minimum an Vernetzung, also etwa einem Desktop, Laptop oder Tablet, zu bewohnen, das potentielle Angebot in diesem Bereich. Dies ist vor allem der Fall, wenn man nicht gerade den Eindruck erwecken möchte, ein „typisch westliches“ Bild vom Luxus anbieten zu wollen. 

Dahinter steht natürlich auch die Vorstellung, dass das Smart Home nur den Interessen der Reichen dient, deren einzige Sorge die Angst vor Einbrüchen und Entführungen ist. In Südamerika, wie auch anderswo, kann das intelligente Haus indirekt nicht unerheblich zu sozialen Spannungen beitragen, ohne dass man das Problem dabei nachhaltig oder strategisch anginge. 

So zeigen die jüngsten Änderungen, die Airbnb beim Schutz der Privatsphäre der Mieter eingeführt hat und die das Ausspionieren der Mieter durch versteckte Kameras der Vermieter verhindern sollen, dass unsere Gewohnheiten die nächste Stufe erreicht haben und dass die Kontrolle inzwischen asymmetrisch ausgeübt wird. Gerne teilt man sein Heim, um ein bisschen etwas dazu zu verdienen, aber man möchte trotzdem wissen, was dort passiert. 

In den großen Metropolien Asiens mit ihrem knappen Raumangebot (gut auf den Fotos von Michael Wolf zu sehen), ist das Image vom amerikanischen Smart Home ebenfalls völlig realitätsfremd. Dort werden stattdessen immer mehr Produkte nachgefragt, bei denen es um die Optimierung der Platzausnutzung und der Luftreinheit im engeren Umfeld oder in den eignen vier Wänden geht. Manche Familien gehen sogar so weit, dass sie die Luftqualität in den Schulen messen, um ihre Kinder vor Gesundheitsgefahren zu schützen.

Im eigenen Umfeld eine Art Kokon aus sauberer Luft zu schaffen, kommt also einer Selbstabschottung von wichtigen gesellschaftlichen Problemen gleich, etwa von der Umweltverschmutzung in den großen Städten oder von der Rolle des Automobils in Ländern, in denen die Regierungen zu wenig in den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs investiert haben. 

In Europa sind Wohnungen aus dem letzten Jahrhundert in Sachen Energie durchlässig wie ein Schweizerkäse, was neue Probleme mit sich bringt. Für den Mieter bedeutet Energieeffizienz nicht, welche Art von Arbeiten gemacht werden müssen, um den Wert der Immobilie tatsächlich zu erhöhen (Wärmedämmung, Batterie und Solarzellen). So kann ein intelligenter Thermostat vielleicht den Wohnkomfort verbessern, nicht aber notwendigerweise auch den Energieverbrauch senken. Effizienz und Komfort stehen also oft im Widerspruch zueinander, denn die Anschaffung eines intelligenten Thermostats lohnt sich meist nur dann wirklich, wenn man die Absicht hat, mehr als zwei Jahre in einer Wohnung zu bleiben. Gleichzeitig ist er natürlich deutlich günstiger als die Investition in die Dämmung der Wände. Deren Wirkung wäre aber wiederum wesentlich höher. 

Man darf hier nicht vergessen, dass sogenannte intelligente Produkte deutlich mehr Energie verbrauchen als ein weniger vernetztes Haus. Jedes intelligente Fernsehgerät ist permanent mit dem Internet verbunden und verursacht damit höhere Kosten als ein Gerät, das man vor zehn Jahren kaufen konnte. Man könnte also von „versteckten“ Kosten des Smart Homes sprechen. Mithin hängt alles davon ab, wo man lebt. Was als realistisches Minimum an Smart Home denkbar ist, unterscheidet sich also je nach Weltregion. 

Smart Building, Smart City, Smart Village: Welche Lösungen kann es für das Problem der Armut geben? Oder anders formuliert: Wie kann man einkommensschwachen Bevölkerungsanteilen Zugang zu vernetztem oder intelligentem Wohnraum geben? 

Die Smart City ist oftmals eine schöne, saubere Stadt ohne Obdachlose, Drogen und Gewalt. Dahinter verbergen sich alle erdenklichen und alles andere als neuen Techniken der Kontrollarchitektur. So unternimmt man beispielsweise alles, damit niemand auf einer Parkbank schlafen kann, setzt die Polizeikräfte entsprechend ein, usw. Der Einsatz von Überwachungskameras in eigentlich öffentlichen Bereichen, die aber immer privater werden, ist hier auch wenig hilfreich. 

In Finnland bringt man Obdachlose inzwischen in einfachen Wohnungen unter und reduziert das Niveau der Armut weiter, indem man das bedingungslose Grundeinkommen nach der Maslowschen Bedürfnishierarchie einführt. In anderen Ländern dient der Einsatz intelligenter Geräte dazu, den Energieverbrauch von Sozialbausiedlungen zu kontrollieren. Teilweise bietet man den Bewohnern dann andere Arten von Diensten an, die oftmals teurer und deshalb unpopulär sind. 

In Südkorea müssen die Menschen für die Kompostierung ihrer eigenen Abfälle bezahlen, weil die Zubereitung bestimmter Gerichte wie Brühen und Suppen so viel Abfall erzeugt. Dieses Vorgehen würde sicherlich nicht überall auf Gegenliebe stoßen, selbst wenn wir natürlich alle unsere Abfallmengen reduzieren müssen. Die Grenze zwischen privater Handlung und Verantwortung gegenüber einer Gemeinschaft, einer Stadt oder einem Land zu finden, ist natürlich eine komplexe Angelegenheit. 

Die Budgets unserer Städte werden immer knapper, während unsere Verantwortung als Bürger steigt: mehr Kompost, weniger Restmüll, effizientere Nutzung des Stroms, Veränderungen bei den Transportmitteln - und das ist nur die Spitze des Eisberges. Städte spielen hier im Endeffekt eine unterstützende Rolle, zum Beispiel mit Sensoren in öffentlichen Mülleimern, um den richtigen Zeitpunkt für die Leerung zu bestimmen. Doch die Hauptaufgabe ist und bleibt, den Einzelnen davon zu überzeugen, dass jede private Handlung zwangsläufig auch ein Stück weit die ganze Gesellschaft betrifft. 

Ich habe vor einigen Jahren für Nominet mehr als 130 Smart City-Projekte studiert, und habe dabei festgestellt, dass diese häufig relativ unklar definiert sind und eher nach dem Gießkannenprinzip funktionieren.

Natürlich wird die Stadt der Zukunft auf neue Instrumente setzen. Und natürlich wird sich ein Haus an der geteilten Nutzung im Haushalt generierter Daten beteiligen können. Und dennoch müssen erst die Menschen psychologisch wieder daran herangeführt werden, in Gesellschaft zu leben, so wie sie es schon taten, bevor die meisten Technologien, die uns voneinander trennen - etwa das Telefon - in unser Leben getreten sind. 

Ein stimmgesteuerter Assistent, der hört, wie eine Frau von ihrem Mann geschlagen wird, sollte das Gerät diese Information im Dienste aller auch managen können, und zwar auch dann, wenn es nicht im Sinne des Besitzers ist. Aber wie kann man diese Stufe erreichen, ohne den totalen Überwachungsstaat à la Big Brother zu schaffen? Vor dieser Frage stehen viele Städte. 

Was muss noch entwickelt werden? Welche Chancen ergeben sich für die Unternehmen? Welche Zukunftstrends gibt es im Smart Home für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre?

Die Erleichterung des Alltags älterer Mitmenschen beschäftigt viele Entwickler, denn sie stehen im Interessenmittelpunkt der Smart Home-Industrie. Ich hoffe natürlich, dass wir nicht in die Richtung eines „militarisierten“ Wohnraumes gehen, indem wir versuchen, mit Dutzenden von Sensoren in jedem Zimmer, vorherzusagen, wann genau eine betagte Person stürzen wird. Unser Wohnumfeld an die Alltagsbedürfnisse von Menschen anzupassen, die immer isolierter Leben, eröffnet Perspektiven, die weit darüber hinausgehen. 

Die Entwicklung von Wohnbereichen zu fördern, wie sie in den zwanziger Jahren in Schweden erfunden wurden und in denen mehrere Generationen zusammenleben (das „Co-Housing“ oder „Collective Housing“), oder auch die Kangaroo Homes, in denen Mikrowohnungen innerhalb eines Hauses geschaffen werden, damit sich die Angehörigen um ältere Familienmitglieder kümmern können, ist da der schon deutlich interessantere Ansatz, denn hiermit können die Probleme der sozialen Isolation und der damit in Zusammenhang stehenden Auswirkungen auf die Gesundheit und auf die Gesundheitssysteme jeder Stadt tatsächlich gelöst werden. 

Ein einsamer, isolierter Mensch kostet den Staat deutlich mehr als eine Person, die von Freuden und nahen Verwandten umgeben ist, Zugang zu Transportmitteln hat und täglich Bewegung bekommt, weil die Dienstleistungen ortsnah zu erreichen sind. Dies alles ist uns bereits bewusst, und trotzdem wird das Smart Home der Zukunft, das all diese Probleme der Isolation lösen kann, den Reichen vorbehalten bleiben, die darüber hinaus auch noch jung und gesund sein werden. 

Negative Auswirkungen wird dies allerdings auch mit sich bringen, und zwar beim Datenschutz. Diese Problematik betrifft alle Applikationen des Smart Homes, die intelligenten Computer und stimmgesteuerten Assistenten, usw. Daher ist es abzusehen, dass bestimmte Menschen aus Angst davor auf ihr „Dumb Home“, das unintelligente Haus, bestehen werden. Vielleicht wird als Gegenreaktion ja das Slow Home entwickelt, in dem die von den vernetzten Objekten generierten Daten nur lokal verfügbar bleiben werden, es sei denn, ein externer Akteur stellt einen gezielten Antrag auf Mitnutzung. 

Wie könnte das Smart Home in zwanzig bis dreißig Jahren aussehen? Mit welchen Funktionen würde es seine Bewohner unterstützen? 

Die größten Herausforderungen der Zukunft sind der Klimawandel und die Frage, wie man im Alltag damit umgeht. Entweder das Haus der Zukunft wird total an effizientere Nutzungsweisen angepasst sein und sich gegebenenfalls auch gegen individuelle Wünsche des Bewohners durchsetzen (so würde sich die Waschmaschine zum Beispiel nur dann einschalten lassen, wenn die Netze gerade schwach ausgelastet sind), oder aber eine weniger umweltfreundliche Entscheidung setzt sich durch. 

Auch könnte man sich eine Welt vorstellen, in der diese ökologischen Alltagshandlungen dazu beitragen, ein Datenprofil einer Person zu generieren, mit dem diese Person einen Kredit zu besonders vorteilhaften Zinsen erhalten kann. 

Unser Privatleben ist im Endeffekt gar nicht so privat wie wir es meinen, und das liegt an den Konsequenzen unseres Handelns auf die Umwelt, die wir ja alle miteinander teilen müssen. Dieser Kontrollverlust über die Alltagsdinge könnte dazu führen, dass effizientere und flexiblere kollektive Dienstleistungen wie Wäschereien wieder in Mode kommen, wenn man sich die heute üblichen technologischen Dienstleistungen ansieht. 

Das umweltfreundliche Haus wird vermutlich mit einem Stromanschluss für Elektroautos sowie mit einer Batterie und Solarzellen ausgerüstet sein, die für eine gewisse Autarkie sorgen werden und sich zu bestimmten Zeiten zuschalten, nämlich wenn der Bedarf höher ist, wenn man seine Überkapazitäten an seinen Nachbarn oder an seine studierende Tochter verkaufen möchte. 

Mithin müssen wir unsere Gewohnheiten bei der Nutzung von Energie im Alltag neu bewerten – auch wenn wir sie im Jahre 2019 für selbstverständlich halten.

Alexandra Deschamps-Sonsino
Expertin für vernetzte Geräte

 

 

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