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Hager Forum: Interview mit Philosoph und Physiker Marc Halévy über die Verwandlung der Welt und die Herausforderungen der Zukunft.

Obernai, 07.02.2019

Interview mit Marc Halevy : anpassen oder verschwinden!

Die Welt verändert sich und wir müssen verstehen, warum sie sich verändert. Was passiert mit uns, was passiert mit unserer Erde, unseren Gesellschaftsformen, unseren Unternehmen?

Das Team von der Personalabteilung der Hager Group bietet den Mitarbeitern die Gelegenheit, sich am 7. Februar 2019 anläßlich eines Vortrages mit anschließender Diskussion zu diesem Thema mit dem Physiker und Philosophen Marc Halévy auszutauschen.

Herr Halévy, inwiefern verwandelt sich unsere Welt gegenwärtig? 

Unsere sozioökonomischen Rahmenbedingungen befinden sich am Scheideweg. Dies passiert im Durchschnitt alle 550 Jahre, zuletzt in der Renaissance, die den Übergang vom Feudalsystem zur Moderne eingeleitet hat. Eine Welt vergeht, in diesem Fall die Moderne mit ihren Werten und ihrer Auffassung der Welt, während eine neue Welt entsteht. Diese steht auf fünf Säulen.

Aus ökologischer Sicht ist die Überzeugung, dass unsere Ressourcen unerschöpflich sind, der Auffassung gewichen, dass es nunmehr einen Mangel an allen unverzichtbaren Ressourcen wie Energie, Ackerland, Trinkwasser, Nichteisenmetalle, usw., gibt und dass wir deswegen eine „frugale Gesellschaft“ entwickeln müssen.

Aus ökonomischer Sicht kommen wir aus einem Finanz- und Industriemodell, das auf Massenproduktion und -vertrieb zu niedrigen Preisen basiert. Dies ist ein Auslaufmodell, denn sämtliche Herstellungskosten werden explodieren und die Märkte dazu bewegen, sich einer nutzenbasierten Nischenökonomie zuzuwenden. Deshalb müssen wir zu einem virtuosen Wirtschaftsmodell gelangen.

Aus technologischer Sicht hat die digitale Welt die mechanische Welt abgelöst. Mehrwert wird jetzt durch immaterielle Intelligenz statt durch materielle Prozesse generiert. Alles was robotisiert werden kann, wird auch robotisiert. Alles was man mit Algorithmen steuern kann, wird auch mit Algorithmen gesteuert. Der Schwerpunkt der Handlungen, die nur Menschen vornehmen können, verlagert sich mit rasender Geschwindigkeit auf neue Berufe.

Aus logistischer Sicht hat das klassische hierarchische System die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit erreicht. Es ist viel zu arm an Beziehungen und Interaktion und damit zu langsam und zu schwerfällig, um den immer komplexer werdenden Strukturen und der Beschleunigung der Welt etwas entgegenzusetzen. Daher braucht es einen Wandel hin zu Organisationen, die in diesem Bereich ungleich besser aufgestellt sind und in kollaborativen Netzwerken von kleinen, autonom agierenden Einheiten arbeiten.

Aus ethischer Sicht hinterläßt der Nihilismus des 20. Jahrhunderts schließlich eine Welt, der Sinnhaftigkeit und Werte komplett abgehen. Dies wirft die große Frage auf, wem der Mensch, die Menschheit, das Unternehmen, die Wirtschaft, das Gemeinwesen, die Gesellschaft eigentlich dienen sollen.

 

Was sind die wichtigsten Auswirkungen der wirtschaftlichen, technologischen und ökologischen Aspekte auf unsere Unternehmen? 

Jedes Unternehmen muss fünf radikale Veränderungen vornehmen. Gelingt dies nicht, ist es zum Scheitern verurteilt.

  1.      Bei allem, was es tut, muß das Unternehmen eine universelle Weisheit befolgen: (viel) weniger, aber alles (viel) besser machen! Was zählt ist die unnachgiebige Jagd auf Verschwendung von Ressourcen (inklusive Zeit und Stress), auf alles Überflüssige, was man macht oder machen lässt, auf Zeitverschwendung mit Telefonieren, Besprechungen und nutzlosen E-Mails.
  2.      Das Unternehmen muss verstehen, dass sein immaterielles Vermögen (alias seine reale Virtualität) unendlich wertvoller ist – aber auch flüchtiger – als sein materielles Vermögen. Es muss daher wesentlich mehr Zeit und Energie – dafür aber weniger finanzielle Mittel – aufbringen, um seine tatsächlichen Talente, seine tatsächlichen Kompetenzen, seine tatsächlichen Exzellenzfelder zu entwickeln.
  3.      Angesichts der sprunghaften Entwicklung der digitalen Technologien reicht es nicht mehr, vernünftig zu bleiben, sondern es muss eine schlagkräftige digitale Intelligenz entwickelt werden. Die meisten Innovationen, die aus Kalifornien zu uns herüberschwappen, haben weder wirtschaftlichen Wert noch Nutzen. Es sind nur alberne Gimmicks. Im Übrigen verdienen die meisten Herstellerfirmen ihre Brötchen nicht etwa mit ihrem Kerngeschäft, sondern an der Börse (siehe Amazon, Uber, Facebook, Google, SpaceX, Instagram, Tesla und Konsorten, die 2018 allesamt rund 20% Börsenwert eingebüßt haben). Diese Unternehmen sind in 5 bis 10 Jahren Geschichte. Die tatsächliche digitale Revolution hat mit diesen überflüssigen Albernheiten nichts zu tun.
  4.      Unternehmen müssen ihre Arbeitsweise radikal umstellen. Vernetzte Arbeit von kleinen, autonomen Einheiten wird zum Standardmodell. Das Prinzip der etablierten Hierarchie verschwindet vollends und wird durch das Prinzip des Charismas ersetzt. Darüber hinaus verschwindet mit der Hierarchie auch das Konzept der abhängigen Arbeit im Anstellungsverhältnis. Es wird durch Konzepte ersetzt, die auf mehr oder weniger festen Partnerschaften und Selbständigkeit basieren.
  5.      In der Zukunft müssen Unternehmen vor allem mit Blick auf die Generationen X und Y – die das von ihnen erwarten – zuerst die Frage nach dem „für was?“ beantworten, und dann erst die Frage nach dem „wie?“. Statt jemandem „zu befehlen, etwas zu tun“, wird man diesem Jemand „einen guten Grund geben, etwas zu tun“. Und Gehalt ist dann beileibe nicht mehr der einzige gute Grund.

 

SMART: Das Internet of Things (IoT) ist ein wichtiges Thema. Wie wird es Ihrer Meinung nach mit diesen vernetzten Geräten und eingebauten Diensten weitergehen, und wie beurteilen Sie als Philosoph diesen Trend?

Wie immer bei solchen Sachen sind mindestens 80% davon überflüssiger Schnickschnack. Gelegentlich können natürlich auch „vernetzte Geräte“ und die „eingebauten Programme“ nützlich sein. Meistens jedoch bringen sie keinen großen Nutzen und sind einem zuverlässigen Betrieb eher abträglich, einmal ganz abgesehen davon, dass sie ohnehin hauptsächlich dazu dienen, Datenbanken mit Big Data zu füttern, und dass Kriminelle aller Art sie dazu missbrauchen zu spionieren und zu kontrollieren, andere zu verleumden und Fake News zu verbreiten.

Und da greife ich noch einmal die Gedanken der „digitalen Intelligenz“ und des „digitalen Minimalismus“ auf. Grob gesagt geht es dabei um die Anwendung von drei Prinzipien:

  1.      Eine Technologie ist nur dann zu verwenden, wenn sie einen reellen Nutzwert bringt. Dass ein Gimmick neu ist, heißt noch lange nicht, dass es auch sinnvoll ist.
  2.      Es muss immer darauf geachtet werden, dass die Technologie dem Menschen Untertan bleibt und dass es nie dazu kommt, dass der Mensch zum Untertanen der Technologie wird – da reicht schon ein Blick auf die Abhängigkeit vom oftmals völlig unnützen Handy).
  3.      Das Prinzip des Minimalismus muss umgesetzt werden: Je weniger man von Technologien abhängig ist, desto freier – und vermutlich auch glücklicher – ist man auch.

 

Welchen Herausforderungen werden wir uns bei der Energie als nächstes stellen müssen? 

Die größte Herausforderung besteht darin, den Menschen zu vermitteln, dass es „erneuerbare Energien“ gar nicht gibt. Ein Windrad dreht sich und erzeugt Strom dank des Windes, der eine kostenlose Energiequelle ist. Und Wind wird es geben, solange die Sonne die Erde erwärmt und die Erde von einer gasförmigen Atmosphäre umgeben ist. So weit so gut. Aber der Bau, die Nutzung, die Instandhaltung und die Demontage dieses Windrades verschlingen gigantische Mengen absolut nicht erneuerbarer, nicht wiederverwendbarer und nicht recyclebarer Ressourcen. Die Leistungsbilanz ist also negativ, ganz abgesehen davon, dass solche Anlagen heutzutage vor allem mit dem Geld der Steuerzahler finanziert werden.

Analog zur Windkraft und zu jeder anderen Form von Ersatztechnologie für die Energiewende verlagert auch das Elektroauto die Ressourcenprobleme nur, anstatt sie zu lösen. Die Interessenlagen sind hier weniger ökologisch als vielmehr politisch und ideologisch geartet. Elektromobilität verlagert die Verschmutzung von den Städten aufs Land, weil die zusätzlich erforderlichen Kraftwerke – und das schließt Kernkraftwerke mit ein – dort gebaut werden. Darüber hinaus beschleunigt sie die Ausbeutung ohnehin seltener Ressourcen wie zum Beispiel Lithium.

Die nächste Herausforderung ist das absehbare Ende der Erdölreserven. Schon allein deswegen ist es unumgänglich, die Kernkraft weiterzuführen – ohne dabei die Fragen der Reaktorsicherheit und der radioaktiven Abfälle zu vernachlässigen. Atomkraft ist die einzige Übergangsenergie. Es gibt dazu keine Alternative.

Die dritte Herausforderung betrifft die einzige wirklich saubere und erneuerbare Energiequelle zur Stromgewinnung: die Wasserkraft, und ich darf daran erinnern, dass es sich dabei um eine Branche handelt, die nach dem Modell der Solartechnik funktioniert. Das Problem bei der Wasserkraft ist, dass praktisch an allen Standorten weltweit, an denen ein Staudamm gebaut werden könnte, bereits ein Staudamm in Betrieb ist oder gerade gebaut wird. Dies deckt gegenwärtig rund 20% des Bedarfs der Menschheit ab.

Die Quintessenz all dessen ist denkbar einfach und gleichzeitig die Mega-Herausforderung schlechthin: Die Lösung besteht nicht darin, anders zu produzieren, sondern weniger zu verbrauchen!

 

Marc Halévy, Sie sprechen viel über Frugalität. Könnten Sie unseren Lesern erläutern, was es damit auf sich hat? Müssen sich Unternehmen ihrer Meinung nach zügig an dieses Thema heranmachen? 

Den Hintergrund der Frugalität kann man mit ein paar Zahlen umreissen: Im Jahre 1800 lebte eine Milliarde Menschen auf der Erde. 1900 waren es 1,7 Milliarden, 2000 schon 6 Milliarden, heute sind es 7,5 Milliarden und 2050 werden mehr als zehn Milliarden Menschen auf der Welt leben. Alles andere bleibt gleich. Dazu kommt, dass die Lust auf Konsum all dieser Menschen ebenfalls exponentiell wächst. Diesen Konsum muss man mit der Bevölkerungsexplosion multiplizieren! Gleichzeitig sinken die globalen Vorräte an Rohstoffen ständig, immerhin hat die Menschheit innerhalb von nur 150 Jahren 80% aller nicht erneuerbaren Rohstoffe verbraucht. Die beiden Kurven, die die spektakulär ansteigende, demographisch verursachte Nachfrage und die nicht weniger beängstigend sinkenden Reserven unserer Erde darstellen, müssen sich irgendwann zwangsläufig kreuzen und uns zwingen, aus dem Traum vom Schlaraffenland zu erwachen und uns der Realität des Mangels zu stellen. Und genau dies ist Anfang der 2000er-Jahre geschehen.

Der Mangel kommt nicht mehr auf uns zu, er ist bereits angekommen. Der schlimmste Mangel, den wir heute erleben, betrifft das Trinkwasser, Ackerland, fossile Brennstoffe, Nichteisenmetalle, usw., ganz zu schweigen von der geistigen und kulturellen Armut, die uns erfasst hat, weil unsere Bildungssysteme versagen. Beispiel Frankreich: In nur zwanzig Jahren ist die Quote des Analphabetismus unter den Erwachsenen von 10% auf 21% hochgeschnellt. Und anderswo ist die Situation auch nicht besser.

Es wird einfach zu viel verschwendet. Aber diese Verschwendung ist nicht die wichtigste Ursache für den eklatanten Mangel in so vielen Bereichen. Denn selbst wenn man von dieser Verschwendung absieht, gibt es einfach zu viele Menschen, die zu viel von den immer seltener werdenden Ressourcen verbrauchen.

Wir erleben tatsächlich eine tiefgreifende, alles entscheidende Wende – eine Wende, die ebenso tiefgreifend ist wie die Revolution der Jungsteinzeit. Und was uns die wirtschaftlichen Faktoren dieser Revolution verraten, ist dass wir schnellstmöglich von der Quantität auf die Qualität umsteigen müssen, vom Tauschwert zum Nutzwert, vom Wachstum zur Entwicklung. Wir müssen einfach verstehen, dass die wirtschaftliche Entwicklung im Sinne des Nutzwertes nur dann gelingen kann, wenn die Bruttoinlandsprodukte und die Umsätze sinken, wenn die Unternehmen größenmäßig schrumpfen und die Bevölkerung zurückgeht. Es kann nicht mehr darum gehen, massiv Preise zu produzieren, sondern einfach nur darum, Werte zu schaffen. Es gibt absolut keinen Zusammenhang zwischen finanziellem Reichtum und Lebensfreude. Ganz im Gegenteil. Und das ist die große Menschheitsentscheidung, die unsere Generation veranlassen muss.

Aus technologischer Sicht hat die digitale Welt die mechanische Welt abgelöst. Mehrwert wird jetzt durch immaterielle Intelligenz statt durch materielle Prozesse generiert.

Marc Halevy

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