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Obernai, 29.07.2019

[Interview] Biomimetik von Idriss Aberkane

Die Biomimetik ist seit der Antike als wissenschaftliche Disziplin bekannt und fasziniert und inspiriert seither den Menschen. Bereits im 4. Jh. beobachtete Aristoteles die Natur, und im 15. Jh. ahmte Leonardo da Vinci die Natur in seinen ersten Zeichnungen für fliegende Maschinen nach. Er schrieb: „Lerne von der Natur, dort liegt unsere Zukunft“. Seitdem haben wir der Entstehung zahlreicher Innovationen beigewohnt, wie dem Flugzeug, dem Klettverschluss oder der neuesten Generation von Windturbinen - alles von der Natur abgeschaute Techniken. Idriss Aberkane hielt 2016 im Hager Forum einen Vortrag über die wissensbasierte Wirtschaft. Der Biomimetik-Spezialist gab uns am 19. Juli 2019 ein Interview, bei dem er diese Thematik aus einem internationalen und wirtschaftlichen Blickwinkel heraus erörterte. In diesem ersten Teil erläutert Idriss Aberkane die Problematik, mit denen die Unternehmen heute konfrontiert sind, und wie die Biomimetik ihnen bei der Bewältigung dieser Herausforderungen helfen kann. Im 2. Teil des Interviews, der zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht wird, geht er auf die Zukunftstrends ein.

1. Was ist Biomimetik?

Biomimetik bedeutet, sich Inspirationen in der Natur zu holen, um daraus Innovationen zu entwickeln - möglichst nachhaltig. Auf einer philosophischeren Ebene ist die Biomimetik eine Bewegung, die die Natur als größte Wissensquelle der Erde betrachtet. Das wird im 21. Jh. besonders deutlich: Die Lösung des wichtigsten und dringlichsten politischen Problems auf der Erde ist die Vereinbarkeit von Wirtschaft und Umweltschutz. Wir sprechen beispielsweise von Entschleunigung, Einschränkung von Handelsflügen... China steht mit dem Rücken zur Wand: wenn das Land kein Wirtschaftswachstum (BIP) von rund 7 % vorweisen kann, läuft es Gefahr, seine Machtstellung zu verlieren. Jedenfalls ist sich die politische Elite von China dessen bewusst, dass die nächsten Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens der Umwelt gelten werden. Die Menschen in China werden wahrscheinlich das nächste Mal auf die Straße gehen, wenn sie im Winter in Shanghai nicht weiter als 10 Meter sehen oder in einigen Vierteln von Beijing nicht mehr richtig atmen können. Es gibt sogar anerkannte „Krebs-Dörfer“. Diese Verpflichtung richtet sich an mehrere Milliarden Menschen auf der Erde, unter anderem die Einwohner von Brasilien, Russland, Indien, China und natürlich allen reichen Industrieländern. Das Land, dem es gelingt, dieses Problem zu lösen, wird sicher die größte politische Vormachtstellung des gesamten 21. Jahrhunderts einnehmen. Biomimetik ist die Antwort auf das Problem: Das Wissen ist in reichlicher Menge in der Natur enthalten, das heißt, wir müssen die Natur nur kopieren, um den größten wirtschaftlichen Wert zu erzielen.

2. Welche Anwendungsgebiete gibt es hierfür aktuell, können Sie konkrete Beispiele nennen? Lässt sich die Biomimetik mit dem Knowhow von Hager, d.h. bei Energie, Strom und Gebäuden, in Verbindung bringen?

Absolut. Das im wahrsten Sinne des Wortes monumentalste Beispiel der Biomimetik ist der Eiffelturm, der schon seit mehr als 130 Jahren steht. Was nur wenige Menschen wissen: die Anregung zum Eiffelturm ist im menschlichen Knochen zu finden. Aufgrund dieser Struktur ist der Eiffelturm besonders leicht. Er ist leichter als der Luftzylinder, den er einschließt. Das gilt für das Luftvolumen des Zylinders von der Basis bis zur Turmspitze bei 25 °C. Dieses Meisterwerk konnte entstehen, weil der leitende Ingenieur, Gustave Eiffel, den Aufbau des menschlichen Knochens am Polytechnikum in Zürich studiert hatte. Das Verfahren wurde bereits damals als Bionik bezeichnet, als architektonische Biomimetik. Es gibt zahlreiche Beispiele hierfür aus dem täglichen Leben. So ist der Klettverschluss ein typisches Beispiel für eine der Natur nachempfundenen Innovation. Bei Hager gilt das für den gesamten Datenkontext - Big Data, Künstliche Intelligenz, Smart Grids, intelligente Zähler und Netzwerke. Die App Waze, die heute auf jedem 4. oder 5. Smartphone zum Einsatz kommt, ist ebenfalls der Natur nachempfunden. Die Art und Weise, wie Waze den optimalen Weg in überfüllten Städten findet, wurde den Ameisen abgeschaut. Die Entwickler von Waze studierten das Verhalten der Ameisen und wie diese automatisch die schnellsten Wege finden. Dieses Phänomen wird als Stigmergie bezeichnet: aus den griechischen Wörtern Stigma (Zeichen) und Synergie (gemeinsame Arbeit). Sobald die Ameisen ihr Nest verlassen, markieren sie ihren Weg mit feinen Duftstofftröpfchen, sog. Pheromonen, und folgen stets dem am stärksten duftenden Weg, der gleichzeitig der effizienteste ist. Waze kopiert dieses Verhalten, indem die App bei jedem Druck des Fahrers auf die Bremse ein Minuszeichen und bei jedem Druck auf das Gaspedal ein Pluszeichen auf der Karte einträgt. Durch Zusammenführung aller Plus- und Minuszeichen in Echtzeit werden Heatmaps errechnet, die zudem eine große Bedeutung für Big Data haben - über die Wegempfehlung hinaus. Auf diese Weise lässt sich der Verkehr um die Geschäfte in Echtzeit berechnen, der Umsatz vorausberechnen und präzise angeben, welche sozioprofessionelle Kategorie welchen Weg nimmt. Für Hager ist diese Datenproblematik sehr viel Geld wert. Facebook ist so reich, weil das Unternehmen tonnenweise Daten verkauft. Auch wenn der Vergleich zwischen Daten und Erdöl etwas hinkt, so entspricht die Beziehung von Wissen zu Daten im 21. Jahrhundert der Beziehung von Kunststoff zu Erdöl. Die Daten lassen sich anhand von der Natur nachempfundenen Methoden erfassen und über Netzwerke, die Wurzelwerk, Pilzen oder Ameisen abgeschaut wurden, verteilen. Dies gilt für alle Infrastrukturbetreiber und Anbieter von technischen Lösungen, die neue Serviceleitungen bereitstellen wollen - ob für Big Data oder neue Produkte.

3. Mit welchen Herausforderungen sind Unternehmen heute konfrontiert? 

Die meisten Unternehmen sind den Staatskonflikten ausgesetzt. Die aktuelle Problematik der Staaten besteht darin, den Lebensstandard weiter zu steigern, mehr Vermögen zu generieren und doch gleichzeitig die Umwelt zu bewahren - was einer Art Krieg gleichkommt. In meinem neuen Buch „L’âge de la connaissance“ („Das Zeitalter des Wissens“) bezeichne ich dies als „vernichtenden Krieg“, gleich dem 1. Weltkrieg. Dabei handelt es sich heute um die Entscheidung zwischen Natur und Arbeitsplätzen, die weltweit dramatische Folgen hat. Der Gedanke, dass Natur und Arbeitsplätze nicht miteinander vereinbar sind, dass man entweder von Umweltschutz oder von Wirtschaft spricht, ist problematisch. George Bush Senior weigerte sich, das Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen, weil er überzeugt war, dass die Wirtschaft auf der Strecke bliebe, sobald der Umweltschutz in den Vordergrund gerückt würde. Donald Trump ist aus denselben Gründen aus dem Übereinkommen von Paris ausgestiegen. Im Lager der Grünen - über die politischen Parteien hinaus - ist man davon überzeugt, dass man den Umweltschutz ad acta legt, sobald man über Arbeitsplätze und Wirtschaft spricht, die beiden Themen stünden einander entgegen, was künftig eine echte Herausforderungen für die Unternehmen sein wird. Die Unternehmen befinden sich in einem Dilemma: entweder Umweltschutz oder Abmahnung wegen Umweltverstößen, wie aktuell Volkswagen, wenn sie ihrem Kerngeschäft, d.h. der Schaffung von Arbeitsplätzen und der Vermögensbildung nachgehen und wertschöpfende Lösungen für ihre Unternehmenskunden oder die Endverbraucher schaffen. Eine der großen Herausforderungen für die Unternehmen besteht folglich darin, mehr zu produzieren und gleichzeitig weniger zu verschmutzen. Auch bei Tesla stößt man auf dieses Problem, im Zusammenhang mit der folgenden, beinahe karikaturhaften Kritik „Ihnen ist schon klar, dass Lithium aus Bergwerken stammt und die Bergwerke deutliche Auswirkungen auf die Umwelt haben“. Trotz dieser Kritik könnte Tesla das Ende des Feinstaubs in der Stadt bewirken, was an sich bereits enorm ist. Eine Mutter in China ist erfreut, dass bestimmte Autos keinen Feinstaub in Höhe der Atemwege ihrer Kinder ausstoßen. Die Stromerzeugung hat sicherlich auch Umweltauswirkungen, vor allem in China; dies geschieht aber wenigstens nicht mehr in Kopfhöhe der Kinder. Diese kleinen Schritte dienen der Wertschöpfung und haben gleichzeitig einen ökologischen Wert: nämlich den, daran zu glauben, dass beides möglich ist, ohne einen Kompromiss zu machen. Sich zu sagen: welchen Wert schaffe ich, wenn ich versuche, gleichzeitig meinen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren. Die Unternehmen, denen es gelingt, beide Probleme parallel zu lösen - und davon gibt bereits viele - werden im 21. Jahrhundert die meisten Marktanteile gewinnen.
 

 

Das Wissen ist in reichlicher Menge in der Natur enthalten, das heißt, wir müssen die Natur nur kopieren, um den größten wirtschaftlichen Wert zu erzielen.

Idriss Aberkane

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