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13.06.19

[Artikel] Leo Johnson: Die Zukunft der Energie

Leo Johnson, Experte für Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung, war im September 2018 mit einem Vortrag zum Thema Kreislaufwirtschaft zu Gast im Hager Forum. In einem im April 2019 veröffentlichten Beitrag zur Zukunft der Kreislaufwirtschaft hat er die Thematik noch einmal vertieft. In diesem neuen Artikel spricht Leo Johnson über sein Verständnis der Frage nach der Zukunft der Energie und die möglichen Antworten auf diese Problematik. Erfahren Sie mehr über die Zukunft der Energie mit konkreten Beispielen, einem wirtschaftlichen Ansatz, einem Ist-Zustand und einem nah- und mittelfristigen Ausblick in die Zukunft.

Sind Bürgerbewegungen ein entscheidender Faktor, der die Zukunft der Energie bestimmen kann?

„Unter dem Pflaster liegt der Strand!“ So riefen es die Anhänger der Situationistischen Internationale während der Mai-Aufstände 1968 in Paris. Die Londoner Waterloo Bridge ist eher das Gegenteil dessen, was man sich unter einem Strand vorstellt. Sie gilt eher als permanent verstopfte Hauptverkehrsader zum Herzen der Hauptstadt, die für ihren schier endlosen LKW-Stau und seine stinkenden Abgase bekannt ist. Und doch wurde sie für den Verkehr gesperrt und verwandelte sich vor meinen Augen in eine von fröhlichen Menschen bevölkerte Garden Bridge. Die Situationisten hätten ihre wahre Freude an diesem unverhofften Idyll gehabt, mit Boulespiel, Pflanzenkübeln, Jongleuren und Jurten, in denen es veganes Chili gibt. Hier heißt es: Herzlich Willkommen zur „Extinction Rebellion“, einer Bewegung mit Schneeballeffekt, in der die Menschen gegen den Klimawandel kämpfen und die vor allem dadurch bekannt wurde, dass die Aktivisten ihre nackten Allerwertesten gegen die altehrwürdigen Mauern des britischen Unterhauses drückten. Ist das bereits eine Vorahnung auf die Zukunft der Energie? Werden die Menschen da, wo die Politik versagt hat, dafür sorgen, dass die Energiewende schneller vonstatten geht?

Gibt es noch einen denkbaren Ausweg aus dem Problem der Klimaerwärmung?

Der Blick auf die nackten Zahlen ist ernüchternd, ein glaubwürdiger Weg dorthin nicht zu erkennen. Geschätzte 91% der weltweit verbrauchten Energie stammen aus fossilen Energieträgern - eine Zahl, die sich in den letzten dreißig Jahren so gut wie nicht verändert hat. Wollen wir die Klimaerwärmung unter 1,5°C halten, müssen wir mehr als doppelt so schnell wie jetzt von kohlenstoffbasierten Energieträgern weg. Und trotzdem haben die Banken weltweit seit dem wichtigen Pariser Abkommen von 2016 1,9 Billionen Dollar in fossile Energieträger investiert. Die globalen CO²-Emissionen sind 2018 nach Angaben der Internationalen Energieagentur um 1,7% auf ein Allzeithoch von 33 Milliarden Tonnen gestiegen. Optimismus also fehl am Platze? Bei allem Pessimismus gibt es doch einen wichtigen Faktor, bei dem ich die Hoffnung hege, dass die anstehende Energiewende vielleicht schneller kommt als viele denken. Und dabei denke ich nicht nur an den Druck der Straße, sondern vielmehr an die Wirtschaft.

Wie kann eine Energiestrategie definiert werden? Welche wirtschaftlichen Instrumente stehen uns zur Verfügung?

Es gibt eine über alle Maßen wichtige Zahl, so wichtig, dass sie dazu geeignet ist, eine Energiestrategie zu bestätigen oder zu verwerfen: die EROEI oder Erntezahl. Vereinfacht dargestellt geht es dabei um die Menge an Energie, die man einsetzen muss, um eine bestimmte Menge Energie nutzen zu können. Als Henry Ford damit anfing, die im Erdöl enthaltene Energie mit den Mitteln der Massenproduktion nutzbar zu machen, betrug diese Kennzahl noch zirka 1300 zu 1. Anders ausgedrückt: Man kratzte mit den Fingern den Boden auf und das Öl sprudelte nur so heraus. Ein Jahrhundert später hängen die Früchte allerdings bedeutend höher. Die Ausbeutung der verbleibenden fossilen Vorkommen - Schiefergas, Ölsände und Vorkommen unter massigen Salzstöcken - ist sehr energie- und kostenintensiv, wodurch der EROEI nur noch zwischen 5 und 13 zu 1 liegt. Anders gesagt ist dies langfristig ein Geschäft mit immer dünneren Margen.

Und was ist dann mit den erneuerbaren Energien? Gibt es irgendwann – vielleicht schneller als erhofft – einen Wendepunkt?

Auf der Kehrseite dieser Medaille stehen die erneuerbaren Energien - und da passiert gerade das genaue Gegenteil dieses Phänomens. Dieselben Gesetze, die für den rasanten Verfall der Preise für Rechenleistung bei Computern gesorgt haben, haben in den vergangenen zwanzig Jahren auch einen wirtschaftlichen Paradigmenwechsel bei den Erneuerbaren ausgelöst. Man schaue sich das Automobil an, das Fundament des Fordschen Wirtschaftsmodells mit fossiler Energie und Massenproduktion. Die Kosten für Batterien sind allein im vergangenen Jahr um 35% gefallen, wodurch wir nun näher als jemals zuvor am dem Punkt sind, an dem die Anschaffung eines Elektrofahrzeugs günstiger wird als die eines Diesels oder eines Benziners. Diese Zeitenwende war 2017 noch auf 2026 datiert worden, heute gehen wir von 2022 aus. Und dies hört keineswegs beim Auto auf. Im Mai lieferte das weltweit erste autonome und von erneuerbaren Energien angetriebene Frachtschiff 2,5 kg frische Muscheln vom britischen Hafen Maldon nach Ostende in Belgien. Die zwischen Schweden und Dänemark verkehrende Reederei Stena Line will eine ihrer Autofähren mit einer Ein-Megawatt-Batterie ausstatten und plant, die Kapazität dann auf 50 Megawattstunden auszubauen, womit eine Distanz von 50 Seemeilen zurückzulegen wäre. Und genau das ist die Herausforderung der Zukunft. Bestimmte, sich exponentiell entwickelnde Energien, die sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten vom Prototypen zum Serienprodukt weiterentwickeln und das Potenzial besitzen, das gesamte System auf den Kopf zu stellen. Auf der Straße gibt es in Schweden bereits Testanlagen mit induktiver Aufladung, während das neue Solarauto von Hyundai ein Panoramadach mit Nanotechnik-gesteuerten Solarzellen anbietet. Auch in der Luftfahrt tut sich einiges: Die Fluggesellschaft Harbour Air, die in der kanadischen Provinz British Columbia 42 Kurzstreckenflüge anbietet, beschafft ein Elektroflugzeug und plant sogar, die komplette Flotte umzustellen. Gleichzeitig beweist die deutsche Firma Sonnen, welch gewaltiges Potenzial in der Blockchain-gesteuerten Stromverteilung in Mikronetzen steckt. Und perspektivisch versprechen Quantenrechner wie der D-Wave 2000 qubit-Prozessor (laut Google-Analyse 100 Millionen mal schneller als der schnellste konventionelle Supercomputer der Welt) eine schnellere Entdeckung von Materialien, die die Kapazität unserer Batterien erhöhen können. Das Energiesystem steht vor dem Wendepunkt. Zwar sind die Fristen dafür noch nicht genau abzusehen, aber die Kurven der Kostenentwicklung zeigen bereits jetzt nur in eine Richtung: Das zentralisierte, auf fossilen Energieträgern basierende System, das laut IWF mit 5,3 Billionen US$ pro Jahr subventioniert werden muss, wird seinen Rang an ein alternatives, auf erneuerbaren Energien beruhendes System abtreten müssen.

„Die Zukunft der Apokalypse“ oder: Immer schön optimistisch bleiben

Um die gute Laune wieder herzustellen, haben wir uns für unsere Sendung FutureProofing auf BBC Radio 4 mit dem Feature The Future of the Apocalypse etwas Besonderes einfallen lassen: Wir reisen mit dem Geigerzähler in die Ukraine und schauen uns die AKW-Ruine des Kernreaktors 4 in Tschernobyl einmal selbst an – richtig gehört: Es geht um den Reaktor, der am 26. April 1986 400-mal so viel radioaktive Strahlung freigesetzt hat wie die Hiroshima-Bombe. Seit dem Unglück hat die Natur die 30 km breite Sperrzone zurückerobert, in der sich Braunbär, Luchs und Wolf ein Stelldichein geben. Derweil tummeln sich in den Reaktoren ungezählte Techniker im Schutzanzug, prüfen die Kontamination und führen zahlreiche wissenschaftliche Experimente durch. „Wie versorgt ihr euch denn hier mit Strom?“, frage ich einen der Wissenschaftler, und „was für eine Energiequelle verwendet ihr denn?“ „Ach“, lautet die lapidare Antwort, „Tschernobyl funktioniert jetzt mit Solarstrom“.

Leo Johnson
Ko-Moderator von Radio 4 “FutureProofing

Das Energiesystem steht vor dem Wendepunkt.

Leo Johnson

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