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08.04.19

Leo Johnson: Die Zukunft der Kreislaufwirtschaft

Im September 2018 war Leo Johnson mit einem Vortrag über das Thema Kreislaufwirtschaft im Hager Forum zu Gast. Wir haben Leo Johnson gebeten, sein Gedankenspiel noch ein wenig weiterzuführen. Lesen Sie in diesem Artikel, was Kreislaufwirtschaft eigentlich ist, lernen Sie Unternehmen kennen, die dieses System umgesetzt und neue, rentable und nachhaltige Geschäftsmodelle entwickelt haben, und erfahren sie mehr über die wirtschaftlichen Möglichkeiten und Aussichten der Kreislaufwirtschaft.

Das perfekte funktionsUNfähige Wirtschaftsmodell

Lassen Sie uns mit einem gedanklichen Experiment beginnen. Lehnen Sie sich zurück, entspannen Sie sich, und entwerfen Sie Ihr ganz persönliches, total funktionsUNfähiges Wirtschaftsmodell. Wie könnte das aussehen? Wenn Sie einen wirklich ungenießbaren Kuchen backen wollten - nennen wir ihn „Weltwirtschaftskuchen“ -, welche Zutaten würden Sie dann miteinander vermischen? Auf fünf unbedingt erforderliche Grundsätze, die Sie beim Backen dringend beachten sollten, können wir uns sicher einigen:
• Erstens: Je größer desto besser. Am besten Sie starten gleich mit Massenproduktion, und natürlich immer schön an der Nachfrage vorbei.
• Zweitens: Korrigieren Sie das kleine Problemchen mit der Nachfrage. Bringen Sie Ihre Mitmenschen einfach dazu, ihr Geld für Dinge auszugeben, die sie absolut nicht brauchen.
• Drittens: Verschwendung in der Fertigung ist völlig okay. Satte 60% der Rohmaterialien sind per se für die Tonne.
• Viertens: Entfernung spielt keine Rolle. Verschickt wird auch in die entlegensten Winkel der Erde. Kein Grund, gleich an die Decke zu gehen, wenn schon mal 93% der Energie irgendwo auf dem Weg von der Kohlengrube zur Glühlampe an ihrer Wohnzimmerdecke verloren gehen.
• Fünftens: Technisch geplante Obsoleszenz? Ein Muss! Sorgen Sie einfach dafür, dass Ihre Produkte möglichst schnell das Zeitliche segnen und vorzugsweise irreparabel sind. Und sollte Ihr Produkt dummerweise langlebig sein, dann sollte es wenigstens an ein Verbrechen grenzen, es nicht schon bald durch etwas Modischeres zu ersetzen.

Aber Spaß beiseite: Was haben wir gerade gemeinsam entworfen? Nichts anderes als ein Wirtschaftsmodell, das auf Massenproduktion, Kommerz und Konsum basiert und aus unseren Heimen nichts anderes macht, als den Vorhof der nächstgelegenen Müllkippe. Und genau von diesem linearen Wirtschaftsmodell wurde das vergangene Jahrhundert beherrscht. Die dahinterstehende Ideologie ist so tief in unseren Alltag eingedrungen, dass wir es praktisch nicht einmal mehr merken. Doch der Preis ist hoch. Nach Schätzungen der Weltbank werden Urbanisierung und Bevölkerungswachstum die jährlich weltweit produzierte Müllmenge bis 2050 von aktuell 2,01 Milliarden Tonnen auf satte 3,40 Milliarden Tonnen, also um 70% anschwellen lassen. Wenn wir nicht langsam den Fuß vom Gas nehmen, werden wir bis 2050 die Ressourcen von drei Erden verbraucht haben und innerhalb der kommenden fünf Jahre einen durchschnittlichen weltweiten Temperaturanstieg von mehr als 1,5 Grad verzeichnen.

Wie kommt da die Kreislaufwirtschaft ins Spiel?

Wir müssen die Dinge etwas schlauer hinbekommen, indem wir auf erneuerbare Energien und wiederverwendbare Materialien setzen, gemeinsame Nutzung fördern, langlebige Güter herstellen, die Effizienz verbessern, Kreisläufe tatsächlich schließen und Prozesse dematerialisieren. Es geht auch darum, wie es der Wirtschaftswissenschaftler Kenneth Boulding in seinem Essay über das zukünftige „Raumschiff Erde“ treffend formuliert hat, anzuerkennen, dass wir nicht mehr in einer Wirtschaft leben können, die nach Cowboy-Manier funktioniert, und in der man das Vieh einfach auf immer neue Weiden treiben kann, bloß weil die alten ausgebeutet sind. Es geht darum, die biophysischen Grenzen unseres Planeten zu erkennen, den Kreislauf zu schließen und die Abfallströme aus der linearen Wirtschaft in Reichtum zu verwandeln.

Wie aber soll sich dieses neu erdachte Wirtschaftssystem in der Praxis darstellen? Belegte Erfolge gibt es bereits zuhauf. In der Modebranche, die mit geschätzten 1,2 Milliarden Tonnen jährlich mehr Treibhausgase ausstößt als alle internationalen Flüge und maritimen Warentransporte zusammen, hat Patagonien für die Herstellung von Fleecestoffen aus Altplastik international Beifall erhalten.

Im Bereich der Unterhaltungs- und Haushaltselektronik – ein Wirtschaftszweig, der momentan mehr als 50 Millionen Tonnen Elektronikschrott jährlich produziert, und in den kommenden 10 Jahren sollen es fünf mal so viel werden – haben „Restart Parties“ London im Handstreich erobert: Nachbarn treffen sich nicht mehr, um Tupperware zu kaufen, sondern um alte Haushaltselektronik zu reparieren, die ansonsten auf dem direkten Weg zur Mülldeponie wäre. Gleichzeitig borgt und versichert die „Peer-to-Peer“-Plattform Fat Lama die für die Reparatur erforderlichen Werkzeuge und sorgt damit für mehr Effizienz, indem anstelle des herkömmlichen kosten- und ressourcenintensiven Eigentumsprinzips der Zugang zu solchen Gerätschaften ermöglicht wird. Und den Geräten, denen man tatsächlich kein zweites Leben einhauchen kann, jagt die chinesische „Urban Mining“-Firma GEM, die in den Wirtschaftszentren aller zehn chinesischen Provinzen arbeitet, auch das letzte Gramm Kobalt, Nickel und Wolfram ab, das sich in Batterien und Elektroschrott finden lässt. Auch eine Methode, Schrott in bare Münze zu verwandeln, die viel mehr Gewinn abwirft als jede Goldmine.

Aber lassen Sie uns die Zeit mal fünf bis zehn Jahre vorspulen. Gibt es in absehbarer Zeit einen weiteren Innovationsschub in der Kreislaufwirtschaft?

Kurzfristig wird es erst einmal dazu kommen, dass man die erprobten Innovationen verallgemeinert und in der Breite nutzt. Diese Innovationen reichen von der vertikalen Landwirtschaft, ermöglicht durch ultraeffiziente LED-Beleuchtungssysteme und geschlossene Bewässerungskreisläufe („Hydroponik“), bis zu Anwendungen mit vernetzten Geräten (Stichwort: Internet of Things - IoT), etwa die damit arbeitenden, hoch energieeffizienten Reifen von Michelin. Auch der finnische Abfallentsorger Enevo verwendet Sensoren, um herauszufinden, wann Mülltonnen geleert werden müssen, und kann so die Fahrten seiner Müllwagen optimieren und zwischen 20% und 40% Treibstoff- und Lohnkosten einsparen. Das Geld liegt also nicht nur sprichwörtlich auf der Straße.
Langfristig scheinen sich bei den technologischen Prozessen exponentielle Effekte abzuzeichnen, die den Weg für einen radikalen Wandel der Geschäftsmodelle in allen Wirtschaftsfeldern freimachen könnten: von Just Foods, die biosynthetische Innovationen für die Herstellung von veganen Eiern ohne Ei verwenden, bis zu „Social Plastics“, dem Prinzip, nach dem Hersteller von Softdrinks die Blockchain nutzen, um jede von ihnen hergestellte Plastikflasche zu markieren, und denjenigen, die diese Flaschen einsammeln, kleine Belohnungen zukommen lassen. Weitere Beispiele reichen vom CO²-sparenden Reisen im Hyperloop über die Demontage alter iPhones durch Roboter bei Apple bis hin zu Initiativen zur Ausbeutung seltener Erden auf Asteroiden, die tatsächlich den Weg ebnen könnten für eine Gewinnung dieser Metalle ganz ohne schädliche Auswirkungen auf Mutter Erde.

Doch welche Werte können damit ganz konkret branchenübergreifend geschöpft werden?

Mit einem Anteil von gerade einmal 9% an der Weltwirtschaft könnte die Kreislaufwirtschaft nach Schätzungen des Weltwirtschaftsforums allein durch die Reduktion des Materialeinsatzes bis 2025 rund eine Billion Dollar jährlich zur Weltwirtschaft beitragen. Und dabei geht es nicht nur um Geld, sondern auch um Arbeitsplätze: Allein in Großbritannien schätzt die Regierung, dass ein höherer Anteil an Kreislaufwirtschaft der britischen Volkswirtschaft im Jahr zwischen 9 und 29 Milliarden Pfund Sterling pro Jahr einbringen und bis 2030 zwischen 10.000 und 175.000 neue Arbeitsplätze auf allen Qualifikationsebenen schaffen könnte.

Und wie sieht die Kreislaufwirtschaft der Zukunft aus?

Im Vordergrund steht ein Mentalitätswechsel quer durch das gesamte System: weg vom linearen Ansatz der Fließbandproduktion, hin zu etwas, das Geschäft und Gesellschaft besser bekommt. Die Rückkehr zum menschlichen Maß, oder, wie es der Urheber dieses Spruches Ernst Friedrich Schumacher der englischen Ausgabe seines Buches „Small is Beautiful“ selbst vorangestellt hat: „ein Wirtschaftssystem, gerade so als ob der Mensch [und der Planet] nicht egal wären“.

Leo Johnson
Ko-Moderator von Radio 4 “FutureProofing

Langfristig scheinen sich bei den technologischen Prozessen exponentielle Effekte abzuzeichnen, die den Weg für einen radikalen Wandel der Geschäftsmodelle in allen Wirtschaftsfeldern freimachen könnten.

Leo Johnson

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