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18.09.19

[Artikel] Leo Johnson: Die Zukunft der Mobilität

Egal ob zu Lande, zu Wasser oder in der Luft: Alle Transportmittel haben sich seit Anbeginn der Zeit weiterentwickelt: vom Pferd über die Dampflok und das Flugzeug bis hin zum Elektroauto. Und immer ging die Entwicklung hin zu mehr Leistung und mehr Geschwindigkeit - leider oft zu Lasten unserer Umwelt. Es entstehen neue, alternative Arten der Mobilität, die weniger fossile Brennstoffe brauchen und weniger CO² in die Luft blasen. Schön und gut, aber wann werden wir denn dann endlich alle in Elektrofahrzeugen unterwegs sein? Wie werden sich die neuesten Technologien auf unser Verkehrsökosystem auswirken? Werden alle Entwicklungen überall auf der Welt gleich sein?
Leo Johnson ist Experte für Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung. Er erklärt uns, wie er die Mobilität in einer mehr oder weniger nahen Zukunft sieht. 

Schon haben wir 250 Meter zurückgelegt. Bis hierhin ist alles gutgegangen. Ich sitze auf der Rückbank des Prototypen eines fahrerlosen Autos in Singapur und erkunde für BBC Radio 4 die langfristige Zukunft der Mobilität. Wir rauschen die Straße hinauf, als vor dem Vorderrad eine fehlerhafte Stelle im Asphalt auftaucht. Ohne Vorwarnung schießt das Auto auf die entgegengesetzte Spur, auf der ein riesiger Müllwagen geradewegs auf uns zuhält. Im letzten Moment ergreift der Notfallfahrer das Lenkrad und bringt uns zurück auf die sichere Seite der Straße. Er murmelt sich daraufhin irgendetwas in den Bart, vermutlich soll es soviel heißen wie: "Na gut, hat jetzt nicht so richtig geklappt. Aber man muss natürlich beachten, dass dies nicht das übliche selbstfahrende Auto von der Stange ist. Dies ist ein echtes Do-It-Yourself fahrerloses Auto, ausschließlich mit ganz gewöhnlicher Baumarkt-Technik hergestellt, um es schneller zur Marktfähigkeit zu bringen". Ich nicke erleichtert. Später, bei meinem Besuch im Verkehrsministerium, verstehe ich, wie man dort die Zukunft plant. Es handelt sich um eine vierstufige Vision: Erster Schritt: selbstfahrende Autos. Das ganze basiert auf einem multimodalen Verkehrs- und Mobilitätsökosystem mit 5G, Blockchain und autonom fliegenden Fahrzeugen. Im zweiten Schritt wird die Wirtschaft komplett automatisiert. Der dritte Schritt beglückt sämtliche Bürger mit einem universellen Grundeinkommen. Und im vierten und letzten Schritt werden die Tore der Stadt für Migranten geschlossen, weil der Klimawandel Nord-Jakarta unter Wasser gesetzt hat. 

Ist das die Zukunft der Mobilität?

Viele von uns sind in autofreundlichen Städten aufgewachsen, deren Außengrenzen und Hauptverkehrsadern durch diverse Mobilitätsrevolutionen bestimmt wurden, die Henry Ford vor gut einhundert Jahren eingeleitet hat. Wird es bald eine neue Verkehrsrevolution geben, die nicht nur die Mobilität als solche, sondern auch die Städte, in denen wir leben, grundlegend verändern wird? Die langfristigen Megatrends scheinen kaum aufzuhalten zu sein. Die Technologie entwickelt sich mit exponentieller Geschwindigkeit: Blockchain, das Internet der vernetzten Dinge, Nanotechnologien und sogar Quantentechnik, die hilft, Batterien leistungsfähiger zu machen. All diese immer schnelleren Entwicklungen verbinden sich und bilden langfristig den Rahmen für ein radikal verändertes Verkehrsökosystem. Doch kurzfristig müssen erst noch schier unüberwindliche Hürden genommen werden, die von der öffentlichen Wahrnehmung über den hochkomplexen rechtlichen Rahmen bis zu Problemen mit der Sicherheit in der Übergangsphase reichen. All dies könnte tiefgreifende Veränderungen zum Erlahmen bringen. 

Aber wann und wo könnte dann die nächste Welle der Veränderung in unserer Mobilität zuschlagen?

Es wird definitiv auf die geographischen Gegebenheiten und auf die richtige Steuerung ankommen. Es gibt bereits Städte, die beim Verkehrsmanagement führend sind, etwa Amsterdam, Stockholm und Helsinki. Sie setzen auf eine Kombination aus guten Straßen, fortschrittlicher technischer Infrastruktur und exzellenter Bewirtschaftung sowie auf private und öffentliche Geldgeber, um reibungslose Mobilität auf den Weg zu bringen. Welche Vision steckt dahinter? Es geht um die Schaffung einer Mobilität, die das verkehrstechnische Pendant zum „all-you-can-eat“-Buffet ist, um ein multimodales Verkehrsökosystem mit autonomen E-Fahrzeugen und Lösungen auch für den Transport auf dem letzten Kilometer, zum Beispiel mit Bikesharing und E-Tretrollern. Doch die Städte, die ihre Mobilitätssysteme umbauen, sind selbst in den Industrienationen in der Minderheit. Denn in den reichen Megametropolen scheint sich die Verkehrsrevolution zumindest kurzfristig weniger darauf zu konzentrieren, ein für die breite Mehrheit der Bevölkerung erschwingliches, autonomes und CO²-armes Modell zu entwickeln als vielmehr eine Verbesserung der persönlichen Mobilität einiger weniger Privilegierter zu erreichen, deren Leben so noch ein Stückchen bequemer wird. Dabei kann genau dies durchaus rentabel sein. Allein durch Verkehrsstaus entgehen der Stadt Los Angeles geschätzte 23 Milliarden Dollar pro Jahr. Da können eigens den E-Autos vorbehaltene Spuren auf den Autobahnen wenigstens den langen Weg zur Arbeit etwas erträglicher machen. Das Risiko, dabei das eigentliche Problem des totalen Verkehrskollapses ungelöst zu lassen, bleibt allerdings bestehen, denn private selbstfahrende Autos, die durch die Elektrifizierung immer günstiger werden, könnten das Verkehrsaufkommen bis 2030 noch einmal um satte 25% ansteigen lassen. Die wahre Herausforderung beim Verkehr liegt ohnehin in den Schwellenländern. Die Weltbank schätzt, dass die Bevölkerung in den Megastädten in Asien und im südlichen Afrika bis 2035 auf 4,9 Milliarden Menschen ansteigen wird. Und in diesen einkommensschwachen Molochen wie Mumbai und Lagos, scheinen die Hürden auf dem Weg zur Verkehrsrevolution absolut unüberwindbar. Denn es sind genau diese Städte, die einerseits mit den größten verkehrstechnischen Herausforderungen wie einer zusammenbrechenden Infrastruktur, überlasteten Straßen und giftiger Luft zu kämpfen haben, und andererseits weder das Geld noch die politischen Strukturen besitzen, die man bräuchte, um die Investitionen in einen technologischen Wandel anzuschieben. 

Wie sieht der Verkehr in diesen wichtigen Megastädten der Schwellenländer mittelfristig aus?

Im günstigsten Fall könnte man dem thailändischen Beispiel folgen, wo man einen CO²-armen Massentransit erprobt und Unternehmen wie BMW das E-Carsharing und E-Busse an der Uni Bangkok vorantreiben. Natürlich wird sich der utopische Traum von der revolutionären Zukunft des Verkehrs noch an vielen Hürden stoßen, doch langfristig gibt es auch wichtige Faktoren, die die Entwicklung voranbringen können. So werden Elektrofahrzeuge immer günstiger, und zwar viel schneller als erwartet. Der Wendepunkt, zu dem es günstiger wird, ein E-Auto zu kaufen als ein Auto mit Verbrennungsmotor, soll jetzt schon 2022 kommen. Und das wird im Hinblick auf die allgemeine Akzeptanz sicherlich nicht ohne Konsequenzen bleiben. Doch der wirklich entscheidende Faktor wird vom V2G-System ausgehen. Hierbei handelt es sich um das Prinzip "Vom Fahrzeug zum Netz", das das Potenzial besitzt, aus Fahrzeugen gewinnbringende Batterien auf Rädern zu machen. In Dänemark, wo die Firmen Enel und Nissan die erste kommerzielle V2G-Plattform geschaffen haben, sparen Autos nicht nur Geld, sondern bringen ihren Besitzern ca. 1.500 € jährlich ein. Taugt das Wunderwerk von Henry Ford, das ölbetriebene, private Automobil, bald nur noch dazu, Touristen anzulocken, wie es etwa den Gondeln auf dem Canale Grande ergangen ist? Kurzfristig sieht es eher so aus, als würde uns das Auto noch eine Weile erhalten bleiben, aber wie es einst Herb Stein, seines Zeichens Berater von ex-US-Präsident Nixon, treffend sagte: "Was nicht weitergehen kann muss aufhören". Wenn man das Ganze längerfristig betrachtet, kann man es sich kaum anders vorstellen, als dass das quasi unausweichliche Aufeinanderprallen mehrerer Megatrends - exponentiell schnelle technologische Entwicklung, Urbanisierung, Demographie und Klimawandel - die Verkehrsrevolution signifikant beschleunigen und damit die Stadt und ihre Wirtschaft erneut tiefgreifend verändern wird. 

Auf welche Neuerungen aus der schönen neuen Welt der Mobilität sollte man in Zukunft achten?

Vieles davon wird bereits gebaut, vom Hyperloop, der schon jetzt ein Bestandteil des geplanten Verkehrsmixes zwischen Abu Dhabi und Dubai ist und nach der Dubai Expo 2020 umgesetzt werden soll, über die Partnerschaft zwischen der NASA und Uber Air im Bereich der Entwicklung von senkrecht startenden und landenden Luftfahrzeugen für jedermann, bis hin zum Audi Pod, das über unseren Köpfen schwebt, unser Auto anhebt und uns wie von Geisterhand geführt über den ärgerlichen Stau hinwegfliegen lässt. Und kann irgendetwas davon die Verkehrsprobleme der Massen lösen? Vor ein paar Monaten stellte eine Gruppe von Unternehmern und Ministerialbeamten in Libyen Pläne für den Verkehrswandel in einer mittelgroßen Metropole vor. Und was steht ganz oben auf der Liste? Fliegende Autos, also ein multimodales, vertikal startendes und landendes Verkehrssystem. Und warum ausgerechnet fliegende Autos? Ganz einfach: Es ist das gleiche wie mit den Handys in Afrika. Sie haben ganz einfach kein Geld, das sie für eine teure Infrastruktur verschwenden könnten. Manchmal frage ich mich, ob der Westen nicht langsam Gefahr läuft, abgehängt zu werden... 

Leo Johnson
Ko-Moderator von Radio 4 “FutureProofing

Elektrofahrzeuge werden immer günstiger, und zwar viel schneller als erwartet.

Leo Johnson

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